[Francorum] Pilotbeitrag: Rückkehr nach Franken/Fahrende Gaukler I

Dieser Beitrag könnte mit der Überschrift „Rückkehr nach Franken“ beginnen. Es ist nämlich so, dass ich mir am gestrigen Tag mit dem palindromischen Datum 02.02.2020 nach vielen Jahren wieder einmal die jährlich stattfindende Theateraufführung der Friesenhäuser Laientheatergruppe „Fahrende Gaukler“ angesehen habe. Friesenhausen heißt der Ort, in dem ich aufgewachsen bin. Um diesen Abend im Laientheater geht es in diesem Beitrag, in dem ich aber gleichzeitig noch weiter ausgreife, um mich in einer einfachen Figurationsanalyse zu versuchen, die nach Belieben weiter ausbaubar und mit weiteren Inhalten füllbar wäre.

Durch meine langen Abwesenheiten aus Franken, wo ich seit 20 Jahren nicht mehr wohne, bin ich keinesfalls in der Position, als besonders „guter Kenner“ dieses dörfliche Laienschauspiel zu beschreiben. Alle Beteiligten gehen dem Theater offensichtlich mit allergrößtem Engagement nach, und Ihnen gilt mein Respekt. Ich hoffe in diesem Sinne, dass auch dann nicht der Eindruck entsteht, ich würde in irgendeiner Weise überheblich oder verächtlich auf das gesamte Phänomen des Theaters blicken, wenn ich versuche, Distanz herzustellen. Es kann natürlich auch sein, dass mir Fehler unterlaufen, denn ich schreibe an diesem Beitrag erst seit heute, und ich werde vor der Veröffentlichung auf meinem Blog voraussichtlich keine Zeit haben, ihn noch einmal gegenlesen zu lassen.

Meine Hauptquelle für diesen Essay ist mein gestriger Theaterbesuch. Allerdings habe ich daneben zwei zusätzliche Quellen in die Betrachtung einbeziehen können: erstens kenne ich das Laientheater aus meiner Kindheit und frühen Jugend noch, so dass ich eigene Erinnerungen mit einfließen lassen kann – besonders, wenn es um die hier nur gestreifte Frage geht, was sich im Dorf seit den 1980er Jahren verändert hat. Zweitens habe ich in all den Jahren aus der Ferne, zumindest oberflächlich, trotzdem jedes Jahr mitbekommen, dass es in Friesenhausen jährlich eine Theatersaison gab, die so einige Menschen auf Trab hielt: ich kenne nämlich ein paar der Schauspieler persönlich, aber besonders gut kenne ich den Regisseur und Souffleur, Robert Markert, den ich quasi zur Familie rechne.

Robert Markert ist seit der ersten Aufführung der Fahrenden Gaukler im Jahr 1984 dabei. Viele der Hintergrundinformationen, die hier auftauchen werden, entspringen seinem persönlichen Gedächtnis, und so können sie als „oral history“ Quellen angesehen werden. Außerdem verfügt Robert Markert über ein ordentliches Privatarchiv, das er mir zur Verfügung gestellt hat. Darin – im wesentlichen bestehend aus einem prall gefüllten, dicken Leitz-Ordner – finden sich eine selbstgeschriebene Chronik über die ersten Jahre der Laientheatergruppe, die einer der Schauspieler verfasst hat, zahlreiche Zeitungsartikel aus der lokalen Presse, alte Programmhefte der Aufführungen, Fotos, die Laudatio einer Preisverleihung, sowie weitere Dokumente. Nicht gesichtet habe ich Videoaufnahmen der Aufführungen der letzten Jahre, die ihm ebenfalls als DVDs vorliegen.

Friesenhausen
Eine Luftaufnahme des Dorfes Friesenhausen in Unterfranken aus Markerts Privatarchiv. Links mittig, am Rand des Parks, ist das größte Gebäude des Dorfes zu sehen, das Schloss. Ihm schräg gegenüber steht die katholische Kirche. Rechts mittig ist die evangelische Kirche zu sehen. Der heutige Aufführungsort des Laientheaters existierte damals noch nicht.

Besonders die jährlich erschienenen Zeitungsartikel sind aufschlussreich über die Rezeption des Laientheaters in der weiteren Öffentlichkeit. Sie geben auch die Stimmung wieder, wie sie auf den jeweiligen Journalisten gewirkt hat, wobei es sich fast in allen Fällen um zwei Journalisten gehandelt hat.

Als Außenstehender könnte man natürlich fragen, wie relevant ein solcher Aufsatz über das Laienschauspiel in einem unterfränkischen Dorf ist. Wie so vieles, so ist auch dies eine Frage der Perspektive, die sich schnell ändert, sobald man den jeweils „üblichen“ Standpunkt verlässt. Aus der Perspektive der Dorfbewohner Friesenhausens, der Mitglieder des lokalen Sportvereines, der Theatergruppe selbst, aber auch aus Sicht zahlreicher Besucherinnen stellt sich die Frage der Relevanz nämlich wahrscheinlich überhaupt nicht. Die teilnehmenden Schauspielerinnen und andere Beteiligte in Friesenhausen stellen zwischen November und Februar ihre Urlaubsplanung auf das Theater ein, und auch andere Aktivitäten werden so geplant, dass die regelmäßigen Proben und Aufführungen eingehalten werden können – alles ehrenamtlich. Robert Markert hat mir gesagt, dass die Theatersaison eigentlich eine eigene Jahreszeit für sich sei, so wie man das auch von Karnevalisten hören kann. Und wie noch zu sehen sein wird, gibt es einen mehr oder weniger direkten Zusammenhang zwischen der Faschingszeit (wie der Karneval in diesem Teil Unterfrankens genannt wird) und der Theatersaison.

Das Theaterstück als Figuration

Mich persönlich reizt die Betrachtung der dörflichen Theaterbühne und ihr „drumherum“ außerdem noch aus einem anderen Grund: ein Theaterstück, die Bühne, die Schauspielerinnen, der weitere Kontext des Dorfes und der Region – das alles bietet sich perfekt an, um die Begriffe der Figuration und der Figurationsanalyse in einer anderen, aber auch ähnlichen Weise zu verwenden, wie ich das beim Forschen und Schreiben meiner Dissertation getan habe. Mit den theoretischen Begriffen der Figuration (dort: Kommunikative Figuration) bin ich auch an meine erst kürzlich abgegebene Dissertation herangetreten – wenn auch in einem sehr viel weiteren Rahmen, ohne eine konkrete Theaterbühne; stattdessen habe ich in einem Kapitel aber TV-Serien analysiert, was der Theaterbühne relativ nahe kommt. Und ähnlich wie im Fall der Friesenhäuser Theaterbühne korrelieren SchauspielerInnen, Plots und Themen der TV-Serien mit der Wirklichkeit „da draußen“.

Ich habe den Begriff Figuration von dem Soziologen Norbert Elias übernommen, der ihn nicht in allen seinen Arbeiten auf exakt dieselbe Weise verwendet hat: oft hat er auch den Begriff des Prozesses oder der Prozesssoziologie gebraucht. Am bekanntesten ist sein zweiteiliges Buch Über den Prozeß der Zivilisation, in dem er unter anderem beschreibt, wie sich über mehr oder weniger lange Zeiträume die Tischsitten, die Manieren und die Höflichkeit verändert haben. Was vor dreihundert Jahren noch völlig normal war, konnte vor einhundertfünfzig Jahren schon ziemlich unanständig sein, und diese Veränderungen betrachtet er als Prozess. Wenn Elias von „Prozeß“ geschrieben hat, dann hat er immer damit gemeint, dass die Dinge nie einfach so waren, wie sie waren, sondern dass es immer ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren gab, wodurch sich „die Dinge“ und „die Ordnung“ in eine bestimmte Richtung verändert haben.

Diese Faktoren – darunter Einzelpersonen, Wetterphänomene, Ereignisse, Handlungen usw. – kann man auch als Figurationen bezeichnen. Eine Figuration wiederum besteht aus einzelnen Figuren. Was eine Figur ist, weiß jeder: zum Beispiel eine Schachfigur auf dem Schachbrett, wie etwa eine Dame, die in einem bestimmten Verhältnis zu allen anderen Figuren des Schachspiels steht: manchen gegenüber scheint sie haushoch überlegen, etwa den Bauern, während ihr andere, wie etwa der Turm, schnell sehr gefährlich werden können. Über den Verlauf des Spiels – seinen Prozess – entscheidet aber in jedem Fall nicht sie alleine, sondern das Zusammenspiel unterschiedlicher Figuren: die gesamte Figuration.

Im Fall des Theaterensembles der Fahrenden Gaukler in Friesenhausen lässt sich der Figurationsbegriff auf unterschiedliche Arten anwenden: zum einen kann damit auf die Entstehungsgeschichte der Tradition des Theaterspiels in Friesenhausen geblickt werden – also den geschichtlichen Prozess und die daran beteiligten Faktoren (Figuren/Figurationen). Zum Anderen kann man auch einfach dem Theaterstück Der Faschingsmuffel zuschauen, wie ich es gestern getan habe, und die Figuren auf der Theaterbühne betrachten, die natürlich mehr als nur einfache Figuren sind: es sind auch echte Personen, die auf ihre je eigene, persönliche Art und Weise sprechen, spielen, agieren.

Mit einer Betrachtung der Figuren auf der Theaterbühne kann aber noch viel mehr als die fiktive, innere Logik des Spiels verstanden werden. Wie ich am Ende dieses Textes noch versuchen werde, aufzuzeigen, können bestimmte Verhaltens-, Redens- und Handlungsweisen der abstrakten Figuren des Spiels, die Namen und Titel wie „der Hammelwirt“, „die Helene“ (Anm.: die Artikel werden im fränkischen Dialekt meist ausgesprochen; es heißt fast immer „der Robert“, fast nie „Robert“), „der Bürgermester“ (Anm.: ich übernehme die Schreibweise des Dialekts, wo „Bürgermeister“ eher wie „Bürchermesster“ ausgesprochen wird), „die Oberregierungsrätin“ usw. tragen, durchaus etwas über die „echte“ soziale Welt außerhalb des Theaterspiels aussagen, wenn auch eher indirekt.

Kladderadatsch_1875_-_Zwischen_Berlin_und_Rom
Karikatur „Zwischen Berlin und Rom“ aus dem Kladderadatsch, 16. Mai 1875. Der Papst und Bismarck spielen Schach und bilden eine Figuration. Quelle: Wikipedia (This work is in the public domain)

Bevor ich mich aber der Bühne nähere, will ich ein paar Wahrnehmungen aus dem Eingangsbereich des Veranstaltungsortes schildern. Ich als Autor bin in gewisser Weise auch selbst eine Figur der Figuration, obwohl ich die Bühne des Theaters nicht betreten werde.

Zurück in Friesenhausen

Früher, in den 1980er und frühen 1990er Jahren, waren wir Kinder des Dorfes jedes Jahr eingeladen, die Generalprobe der Fahrenden Gaukler zu besuchen. Das stellte für uns eine ganz besondere Veranstaltung dar, da sie eigentlich eine Sache der Erwachsenen war. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass wir so etwas wie einen „Fankult“ betrieben hätten. Allerdings galten bestimmte SchauspielerInnen schon immer als ganz besonders begabt und lustig.

Doch im Eingangsbereich des Gebäudes des Sportvereins am Sportplatz, wo jetzt im Gegensatz zu früher die Theateraufführungen stattfinden, erkenne ich nicht nur Schauspieler wieder, sondern sehe unter den zahlreichen „auswärtigen Gästen“ auch viele bekannte Gesichter. Ich schüttle so einige Hände. Man erkundigt sich gegenseitig nach dem Befinden. Von mir wird in den meisten Fällen diffus gewusst, dass ich in Berlin wohne. Manche fragen auch nach, ob ich nicht noch Istanbul wohne? Irgendwo weit weg bin ich jedenfalls. Aber heute Abend bin ich da: „zurück in Friesenhausen“.

Es sind viele Personen anwesend, die in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Mutter eines Schulfreundes, mit dessen Familie wir auch einmal einen der jährlichen Jugoslawien-Urlaube verbracht haben, kommt zu mir, umarmt mich und gratuliert mir nachträglich zum Geburtstag, an den sie sich erinnert.

Auf einmal steht vor mir auch der Hugo, der früher der Lebensgefährte meiner Großmutter Olga war, bis diese 1990 starb; ich war da gerade zehn Jahre alt. Er war einmal so etwas wie ein Großvaterersatz für mich und meine Schwester. Mit ihm und unserer Großmutter haben wir 1988, noch bevor die Grenzen zur nahen DDR und zu den Ländern des Ostblocks gefallen waren, einen Urlaub am Plattensee in Ungarn verbracht.

Ich war damals zwar erst acht Jahre alt, aber ich erinnere mich noch sehr genau an viele Details: das Hotel in Gestalt eines Doppelhochhauses in einem Ort namens Balatonföldvar, in dem meine Schwester und ich durch das viele Aufzugfahren den Lift kaputt gemacht haben; die Terasse, wo am Abend unsere Busreisegruppe mit Bürgern der DDR zusammensaßen; die Palatschinken- und Maiskolbenverkäufer am Strand; das warme und trübe Wasser des flachen Strandes. Der Hugo ist inzwischen weit über 80 und erkennt mich nicht – bis ich ihm erkläre, wer ich bin, und dass ich vor zwei Tagen auch seine Schwester schon getroffen habe. Er erkennt mich schließlich wieder.

Meine Mutter begleitet mich zur Theateraufführung. Robert Markert schwirrt herum, bevor er sich in die Souffleurskabine vor der Bühne begeben wird. Er war von Anfang an Teil des Theaterensembles, als Vorstand und als Regisseur, wobei seine Rolle zuvor von einer Frau ausgefüllt wurde, der Inge, bis diese einen Autounfall hatte und von ihrer Rolle zurückgetreten ist. Die Fahrenden Gaukler sind kein eigener Verein: sie bilden eine Abteilung des Sportvereins Friesenhausen (SV Friesenhausen), der 1946 gegründet worden ist, also sehr unmittelbar nach dem Krieg.

Besucher
Der Saal im neuen Gebäude des Sportvereins, das 2011 fertiggestellt worden ist, ist am Abend des 02.02.2020 voller Zuschauer, die auf die Aufführung „Der Faschingsmuffel“ warten. Der Saal bietet zirka 260 Personen Platz.

Ich stelle später Robert Markert gegenüber fest, wie erstaunlich ich es finde, dass einige der Schauspielerinnen nun tatsächlich schon seit den 1980er Jahren kontinuierlich mitspielten. Er erzählt mir, dass parallel zum Erwachsenenensemble ein komplettes Nachwuchsensemble bestünde, also parallel zu den Älteren. Eine Herausforderung bestünde darin, beide Ensembles zusammenzuführen, was wahrscheinlich nicht gelingen werde: das junge Ensemble wolle genau so, wie es jetzt bestehe, weiterbestehen, und die Schauspieler wollten in ihrer jetzigen Figuration zusammenbleiben. Viele der jungen Schauspieler seien Kinder der jetzigen Schauspieler. Ohne irgendetwas über diese jüngeren Schauspieler zu wissen, stelle ich fest, dass sie wahrscheinlich große Schuhe zu füllen haben.

Das Dorf inszeniert sich selbst

Die Innenperspektive

Über das Stück Der Faschingsmuffel, das in der Saison 2019/2020 und damit am Abend meines Besuches aufgeführt wurde, lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass sich das Dorf damit gewissermaßen selbst inszeniert hat. Dies sei durchaus ungewöhnlich, wie Robert Markert in der Anmoderation des Abends den Gästen gegenüber feststellt: das erste Mal sei es so, dass die Autorin des Stücks selbst aus Friesenhausen komme. Strenggenommen ist diese zwar eine Zugezogene, was in der Anmoderation aber unerwähnt bleibt und auch keine große Rolle zu spielen scheint. Überhaupt stelle ich in einigen weiteren Gesprächen mit Zugezogenen fest, dass die Unterscheidung zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen nicht automatisch eine große Rolle spielt: viele der „neuen Friesenhäuser“ fühlen sich selbst nach eigener Aussage gut integriert und in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich meine mich zu erinnern, dass ihr Stand früher nicht ganz so einfach war.

Doch nicht nur die Autorin kommt von hier: auch der Plot, die ganze Story, spielt in Friesenhausen. Allerdings gibt es es zahlreiche Verfremdungen, Anspielungen, Fiktionalisierungen und Anpassungen an die Bedürfnisse des Plots. Für „echte Friesenhäuser“ ist zum Beispiel erkennbar, dass der Name des Wirtshauses „Zum Hammelwirt“ eine Anspielung auf die ehemalige, nicht mehr bestehende Gaststätte „Zum weißen Lamm“ ist. Diese wurde von „der Musch“ betrieben: der Pächterin, die für ihre Leibes- und Machtfülle bis weit über das Dorf hinaus bekannt war und ist. Die schiere Macht der Musch dürfte damit zusammengehangen haben, dass das Laientheater in „ihrer Wirtschaft“ stattgefunden hat („bei der Musch„, wie es immer hieß), genau wie viele andere Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft. Für Außenstehende ist diese Anspielung nicht ohne weiteres erkennbar.

Eine der zahlreichen Verfremdungen Friesenhausens findet sich mitten im Stück, als die Figur der Helene „hinüber zur Apotheke“ geschickt wird, von wo sie dem Hammelwirt eine Salbe holen soll, als dieser einen Hexenschuss vorgaukelt. Tatsächlich gibt es in Friesenhausen gar keine Apotheke, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch nie eine gegeben hat.

Das Theater hat für Friesenhausen und die Friesenhäuser eine große und identitätsstiftende Rolle, was sowohl an der Selbst-, als auch an der Fremdwahrnehmung deutlich wird. Das Logo der Fahrenden Gaukler wirkt identitätsstiftend für die Gemeinschaft: es ist eingewirkt in die Wandverkleidung des Saals neben der Bühne, wobei diese Wandverkleidung auch außerhalb der Theatersaison immer sichtbar bleibt.

Besucher - Kopie
Das Logo der Fahrenden Gaukler als fest installiertes Raumdeko-Element links neben der Bühne im großen Saal.

Das relativ neu erbaute, imposante und 2011 eingeweihte Sportvereinsgebäude und seine Geschichte ist eng mit der Geschichte des Ensembles der Fahrenden Gaukler verbunden. Mir wird gesagt, dass die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern der Theateraufführungen, die vorher in der Gaststätte „Zum weißen Lamm“ (bei der Musch) stattfanden, eine der Haupteinnahmequellen gewesen seien, die es dem Sportverein ermöglicht hätten, das neue Gebäude zu errichten. Doch Vorsicht: gleichzeitig wird betont, dass dieser Bau allen Vereinsmitgliedern zu verdanken sei, und keineswegs alleine den Fahrenden Gauklern.

Ich werde in Gesprächen darauf hingewiesen, dass auf gar keinen Fall der Eindruck entstehen solle, als würden die Fahrenden Gaukler mit ihrer Rolle als Einnahmequelle für den Gebäudebau in irgendeiner Weise prahlen. Ohne genauer nachzufragen, kann ich mir vorstellen, dass die Frage „wer hat am meisten geleistet“ Konfliktpotenzial birgt. Dieser Eindruck verstärkt sich außerdem, da ganz am Anfang des Stücks Der Faschingsmuffel eine Konkurrenzfiguration unterschiedlicher Veranstaltungen im Dorf durch den Hammelwirt beschrieben wird: seine Kneipe bleibe leer, da ständig andere Veranstaltungen stattfänden und ihm die trinkende Kundschaft abjagten.

Das Gebäude des Sprtvereines wurde zwar unter Beteiligung einiger Firmen gebaut, was besonders Estrich und Heizung betreffe; größtenteils seien die Arbeiten aber von den Mitgliedern des Sportvereins selbst gestemmt worden. Einige von ihnen sind selbst Besitzer von Firmen, die sich wiederum beim Bau engagiert hatten. Auch in dieser Hinsicht stelle ich große Ähnlichkeiten zu meiner Forschung fest: in Istanbul zum Beispiel haben sich Vereine von ausgewanderten Bosniaken mindestens ebenso stattliche Vereinsgebäude errichtet, und auch dort konnten diese Gebäude in ihren Ausmaßen nur errichtet werden, weil es unter den Mitgliedern der Gemeinschaft auch erfolgreiche Geschäftsleute gibt.

Die Theaterbühne an sich war von Anfang an fest eingebaut in das Gebäude, und sie kann auch außerhalb der Theatersaison bei Veranstaltungen genutzt werden. Die Kulisse wurde von der örtlichen Firma Viktor Pendic gebaut, wie Robert Markert in der Anmoderation lobend erwähnt. Diese Firma hat mein gleichnamiger Onkel aufgebaut, der im Bosnienkrieg als Flüchtling nach Friesenhausen gekommen ist. An diese Zeit erinnert auch eine Aufschrift auf der Bande am Sportplatz: „Mein Freund ist Ausländer.“ Damals, zur Zeit der Jugoslawienkriege, gab es in Deutschland eine große Welle des Rassismus und der sogenannten „Ausländerfeindlichkeit“, woran ich mich noch gut erinnern kann. Dies betraf aber, zumindest in meiner Erinnerung, eher die Nachrichten in der Tagesschau und die Pogrome in Orten wie Rostock, Hoyerswerda, Solingen oder Mölln. Ich erinnere mich noch an einen Familienausflug nach Thüringen, als meine Mutter, die damals selbst noch Ausländerin war, meinen Onkel bat, möglichst wenig hörbar in seiner Muttersprache zu sprechen, da mit Feindseligkeiten zu rechnen sei. Damals wie heute standen alle östlichen Bundesländer im Ruf, besonders rassistisch zu sein. Wie auch immer begründet oder unbegründet diese Warnung gewesen war: der Satz „Mein Freund ist Ausländer“ an der Bande des Fußballfeldes jedenfalls war ein öffentliches Statement dagegen.

Die Koordination der Theateraufführung und der gastronomische Servicebetrieb wird ehrenamtlich von den Mitgliedern des Sportvereins übernommen. Dafür gibt es sogenannte Springer, Küchenhelfer, Mitarbeiter an der Theke an der Bar, und dazu gehört auch die Koordination des Helferdiensts.

Früher habe parallel zum Theater noch der Fasching stattgefunden, weswegen die Aufführungen am Anfang noch viel früher als heute aufgehört haben. In diesem Jahr findet die letzte Aufführung am 16. Februar statt. Heute gibt es wegen des Theaters keine Faschingsveranstaltungen in Friesenhausen mehr, was auch im Stück Der Faschingsmuffel indirekt thematisiert wird.

Fasching1
Früher fanden alle Faschingsveranstaltungen im Festsaal des Weißen Lammes statt: bei der Musch. Auch bei der Musch gab es eine geräumige Bühne mit Vorhang, die für die früheren Aufführungen der Fahrenden Gaukler genutzt wurde. Bild- und Textquelle: Bote vom Haßgau (o.D.) / Privatarchiv Markert.

Allerdings erklärt mir Robert Markert, dass die „neue Tradition“ des Theaters nicht auf den Faschingsgedanken zurückzuführen sei. Ursprünglich käme das heutige Theater aus der vorangegangenen Tradition der Theateraufführungen anlässlich der Weihnachtsfeiern. Aus diesen heraus seien die Laienschauspiele weiterentwickelt worden.

Die Außenperspektive

Vor der Vorführung am 02.02.2020, als ich mit meiner Mutter am Veranstaltungsort ankam, sah ich einen Bus aus Arnstein mit dem Autokennzeichen Main-Spessart (MSP) auf dem Parkplatz vor dem Vereinsgebäude. Man erklärt mir, dass am heutigen Abend bereits zum zweiten Mal in dieser Saison Gäste aus einem Ort namens Schleerieth anwesend seien, was auch den Bus erkläre. Laut Googlemaps liegt Schleerieth zirka 45 Kilometer entfernt von Friesenhausen, was ein Hinweis auf die weite Strahlkraft des Friesenhäuser Theaterensembles ist.

Die Beliebtheit der Fahrenden Gaukler sei mit den Jahren stetig gewachsen: in der Chronik in Markerts Archiv ist zu lesen, dass das Jahr 1988

„eine Besuchermehrung von 33% gegenüber 1987 aufzuweisen hat. Somit ist der Saal an vier Terminen mit Theaterfreunden gefüllt.“

Diese Besuchermehrung hat sich in den Folgejahren um ein Vielfaches weiter gemehrt: heute finden 25 Aufführungen statt, was auch die Obergrenze der Aufführungen darstelle. Dies bedeute schließlich 25 Mal Probe und 25 Mal Aufführung, was zusammen genommen heißt, dass die beteiligten Schauspielerinnen an mindestens 50 Abenden im Jahr ihre Anwesenheit organisieren müssen. Das sei für eine Laienschauspielergruppe die oberste verkraftbare Grenze des Machbaren. Insgesamt herrschten so vier Monate Theatersaison: November, Dezember, Januar und Februar. Es entstünden dabei zwar schon einmal Spannungen, aber im Großen und Ganzen funktioniere alles gut. Auch auf proaktive Bewerbung und Einbeziehung der Presse – die sowieso aus Interesse komme – werde verzichtet: man könnte sonst den Besucherandrang nicht bewältigen.

Ich frage Robert Markert nach den Gästen mit der am weitesten entfernten Herkunftsregion. Aus seiner Sicht sei das der Besuch einer Gruppe von 50 Berlinerinnen gewesen, die damals in Königsberg zu Gast gewesen und auf Empfehlung des damaligen Bürgermeisters Königsbergs in Friesenhausen gelandet seien. Er erinnert sich daran, dass es durch den Dialekt zu Verständigungsschwierigkeiten gekommen sei: „Wat haben die denn jesagt?“, berlinert er kommentierend dazu. Ansonsten habe es auch schon Gäste aus Köln, Erlangen Würzburg, Fladungen in der Rhön, Kulmbach in Oberfranken gegeben. Die Ankunft von Bussen, teilweise sogar Doppeldecker, sie gar nichts ungewöhnliches.

Rückertpreis
Die Verleihung des Friedrich-Rückert-Preises an die Fahrenden Gaukler im Jahr 2008. Quelle: Bote vom Haßgau vom 15.1.2008 / Privatarchiv Markert.

Die höchste Auszeichnung des Theaterensembles sei der Friedrich-Rückert-Preis 2008 gewesen, der durch den Haßberghauptverein gestiftet wird (Anm.: dieser Preis ist nicht mit dem Friedrich-Rückert-Preis der nahegelegenen Stadt Schweinfurt zu verwechseln). Der Name Friedrich Rückert ist eng mit der Region und besonders mit Schweinfurt, Rückerts Geburtsort, verbunden, und er dürfte vielen meiner Freundinnen und Freunde in Berlin auch ein Begriff sein. Friedrich Rückert ist durch die Rückert-Gedichte, aber auch als einer der Begründer der deutschen Orientalistik bekannt. Ich bin fasziniert von der Tatsache, dass er angeblich bis zu vierzig Sprachen studiert oder gekannt haben soll, und in seiner nahe gelegenen Heimatstadt Schweinfurt sind ein Gymnasium, Straßen und Denkmäler nach ihm benannt.

Doch woher kommt diese Strahlkraft? Das wird hoffentlich deutlich in den nächsten Abschnitten über den Plot und die Figuren des Stückes „Der Faschingsmuffel“.

FORTSETZUNG FOLGT IN KÜRZE.

Fragen, Anregungen, Kritik, Verbesserungen, Ergänzungen, Veröffentlichungsangebote bitte an Thomas.schad@fu-berlin.de

Anmerkung:

Ich beabsichtige, die wichtigsten Referenzen wie Quellenangaben und Sekundärliteratur am Ende des letzten Teils dieser Serie anzugeben.


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