Überblick – Overview

Projekte / Projects

Die folgende Auswahl führt zu den aktuellen Projekten, mit denen ich mich beschäftige. Zu allen Projekten finden sich Blogposts im Mittelbau des Inkubators Metamorφ. Einige Projekte, wie zum Beispiel die Acta Francorum oder die Hermannova, sind mit der Zeit stark gewachsen und haben nach einer eigenen Seite verlangt. Andere Projekte, wie Histoire pour la liberté oder Bosnien in Berlin, sind gemeinsame Projekte, an denen ich mit anderen Autor*innen beteiligt bin.

Histoire pour la liberté

Das Projekt „Histoire pour la liberté“ beschäftigt sich mit dem historischen Revisionismus in den jugoslawischen Nachfolgestaaten. Es setzt damit die Diskussion über die Bedeutung von multiperspektivischer Geschichtsschreibung und partizipativer Erinnerungskultur fort, die mit dem Projekt „Ko/Tko je prvi počeo? Historičari/povjesničari protiv revizionizma“ (Wer hat zuerst angefangen? HistorikerInnen gegen Revisionismus, https://kojeprvipoceo.rs) angestoßen wurde.

Bildquelle: Projekt Histoire pour la liberté.

Populism & City Diplomacy

In this contribution, I discuss the possibilities and limits of town twinnings, city diplomacy and coalitions of mayors as possible solutions to the global rise of populism and neo-populism. I will focus the case of Turkish-Bosnian (Bosniak) town twinnings, which will be called sibling cities throughout the text. Populism is mostoften perceived as a phenomenon that occurs inside a given nation-state. However, cross-border coalitions of municipalities form a polity beyond the level of national governments — while at once, they remain being heavily shaped by the latter. Alongside with this phenomenon, a new form of cross-border neo-populism is emerging: unlike „classical“ populism, neo-populism addresses more than one populus (people).

Bildquelle: Kaçapor, Sait (2014): Boşnaklar — Türkiye’nin sadık vatandaşları. Sarajevo/Istanbul: Umut Matbaası.

Bosnien in Berlin

Das Buchprojekt öffnet sich für eine Mischung unterschiedlicher Genres: durch autobiographische, (semi-)fiktionalisierte, essayistische, künstlerische, dialogische (Interviews) und im Einzelfall auch wissenschaftliche Beiträge soll eine gemischte, möglichst breite Öffentlichkeit erreicht werden. Indem individuelle Erinnerungsfragmente oder Geschichten über (Vor-)Kriegserlebnisse, Flucht, Ankunft, Adoleszenz und Berufsfindung die einzelnen Bausteine des Gesamtmosaiks sind, versteht sich das Buch als Teil einer zeitgemäßen, multiperspektivischen Erinnerungskultur.

Bildquelle: Screenshot der Homepage Bosnieninberlin.de


Fragmentierte Wendezeiten

Fragmentierung von Geschichte war eine Forderung von Walter Benjamin und Hannah Arendt, die zwar beide keine Historiker waren, sich aber in ihrem Denken und in ihren Schriften ausführlich mit Geschichte auseinandergesetzt haben. Um zu einem Verständnis der „Pathologien der Menschheit“ zu gelangen, forderten sie, Geschichte „gegen den Strich zu bürsten“, um die Pathologien „herauszusprengen“ bzw. zu fragmentieren. Unterdessen brennt und flutet die Welt: wir sind Teil eines katastrophischen Progresses. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass sich ein neues Weltbild durchsetzt, das als normativer Wirkungsrahmen jede einzelne politische Entscheidung leitet. Von der Forderung Benjamins und Arendts, Geschichte zu fragmentieren, ist auch dieses Buchprojekt geleitet. Was bringt Menschen massenhaft dazu, in die falsche Richtung zu stürmen? Welche Dynamik steckt dahinter, sich Sicherheit ausgerechnet von denjenigen zu versprechen, deren Handlungen mit absoluter Sicherheit in weitere Unsicherheit führen? Inwiefern „wiederholt sich die Geschichte“ — wenn auch nicht im wörtlichen Sinn, so doch in Gestalt wiederkehrender Tropen, Stereotypen, Verhaltens- und Denkweisen?

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1110-038 / Ludwig, Jürgen / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

Hermannova

Was können das kosmopolitische Berlin-Neukölln und das traditionelle Bosnien voneinander lernen? Wie können wir superdiverse Nachbarschaften der Zukunft friedvoll und gewinnbringend gestalten? Diese Frage erforscht das Projekt Hermannova: in den erprobten Differenzgemeinschaften des multikonfessionellen Tals der Krivaja in Bosnien-Herzegowina einerseits — und im superdiversen, kosmopolitischen, aber relativ jungen („unerprobten“) Berliner Milieu Nordneuköllns andererseits. Unter Einsatz eines ethnographischen Mehr-Methoden-Ansatzes der teilnehmenden Beobachtung, der dichten Beschreibung und der qualitativen Interviewführung verfolgt dieses Projekt das Ziel, im Sinne der Grounded Theory Lösungsvorschläge und Policies zu entwickeln: dafür, was Nachbarschaftlichkeit und Zusammenleben in Differenz im 21. Jahrhundert sein können.

Bildquelle: eigene Aufnahme, Februar 2021.

Acta Francorum

Die Acta Francorum sind ein sehr persönliches Projekt. Mit großer Begeisterung habe ich Didier Eribons Rückkehr nach Reims gelesen, von dem schwer zu sagen ist, ob es ein wissenschaftliches Buch, eine autobiographische Reflexion, oder beides zugleich ist: einerseits lässt uns der Autor gesamtgesellschaftlich relevante Zusammenhänge wie Rechtsruck, Klassenattitüde und Homophobie verstehen — andererseits ist es eine äußerst persönliche Rückreise in die eigene Herkunft, den Geburtsort und die Familie des Autors. Für mich war der von Eribon verwendete, gemischte Stil des Personal Essays eine Offenbarung: genau diese Form des denkenden Schreibens ist meine Komfortzone. Einige der Themen, die ich in den Acta Francorum behandle, sind die Forderung nach einer neuen Heimat und Sachlichkeit, der naturräumliche und gesellschaftliche Wandel des ländlichen Raums am ehemaligen Zonenrand, sowie das Aufwachsen in einer Familie, in der schon immer aus unterschiedlichen Ländern (Sowjetunion, Jugoslawien) migriert wurde.

Bildquelle: eigene Aufnahme, Februar 2020.

Dissertation

Die Forschungsfrage dieses Dissertationsprojekts ist ursprünglich der Beschäftigung mit dem Thema der muslimischen Migrationen aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Türkei entwachsen. Die Fragestellung hat sich aber im Prozess ihrer Operationalisierung und der Feldstudienaufenthalte in der Türkei und auf dem Balkan zeitlich, methodisch, räumlich und in ihren theoretischen Bezügen so stark verändert, dass diese Arbeit schließlich zu einer multidisziplinären Studie über einen Prozess der geopolitischen, medialen und institutionellen Wende geworden ist. Im Mittelpunkt dieser Wende steht die Frage, wie es zu der diskursiven Verdichtung in den öffentlichen Meinungen zwischen dem Westlichen Balkan und der Türkei gekommen ist, die ich als „Brückendiskurs“ bezeichne: das Symbol der Brücke ist die unübersehbare, allgegenwärtige Trope, die in jedem Winkel des Diskurses auftaucht und quasi permanent „hin- und herläuft“. Diejenigen, die diese diskursive Brücke immer wieder (re-)produzieren, erfasse ich in Anlehnung an Norbert Elias’ Figurationssoziologie als bosniakisch-türkische kommunikative Figuration.

Bildquelle: eigene Aufnahme, Dezember 2019.