[Francorum] Abreise aus Franken

Aufenthalte in Unterfranken habe ich früher oft als unangenehm, irgendwie „grenzwertig“ empfunden. Nach spätestens vier Tagen hatte ich das Gefühl: du musst dringend fort von hier. Ich weiß, dass es vielen Freundinnen und Freunden, die ich in Sarajevo, Berlin oder Istanbul kennengelernt habe, ähnlich gegangen ist: gerade Menschen, die mit dem Gefühl von ihrem Herkunftsort fortgegangen sind, irgendwie „nicht zu passen“, oder auch einfach, dass es für sie und ihre Interessen nicht der richtige Ort war, kennen dieses Gefühl wahrscheinlich.

Diesmal ist es ein bisschen anders. Wie gut es doch tun kann, sich zwischendurch einmal für zwei Wochen in Franken aufzuhalten. Dort kann ich mich sprachlich völlig gehen lassen – und dabei teils neues, teils wiedererkanntes Dialektvokabular gierig wie ein Badeschwamm in mich aufsaugen. Bilde ich mir jedenfalls ein.

Ich stelle mir vor, wie meine von Grammatik disziplinierte, meine zwischen harten und weichen Konsonanten unterscheidende, meine der fränkischen Diminutive beraubte Berlinspreche nach wenigen Tagen des Aufenthalts unter dem rot-weiß-fränkischen Rechen von der vulgären Erdigkeit eines bäuerischen Substrats unterpflügt wird. Ich gleite in ein atavistisches Mischidiom hinüber, in dem ich zu jeder Gelegenheit den herbmöglichsten Dialekt zu benutzen trachte. Meine Vorliebe für besonders archaische, ungebräuchliche Ausdrücke sorgt zuweilen für überraschte Reaktionen meiner Mitfränkinnen und Mitfranken.

Nun ist der fränkische Dialekt bei weitem nicht so bekannt (und berüchtigt) wie etwa Sächsisch, Schwäbisch oder Bayerisch. Für alle, die nicht wissen, wie sich der fränkische Dialekt lesen ließe, sei hier eine kurze Auswahl von „Fränkismen“ zusammengestellt, wie sie im unterfänkischen Zonenrandbezirk Dialektsprecherinnen geläufig sind1:

Wo ich ner mei Ha hi ho? = Wo ich nur meine Harke hin habe?
Hasda ma a Ä ü? = Hättest du einmal ein Ei übrig?
Gema rü. Gema naus. Gema nauf. Gema nei. = Geh‘ mal runter. Geh‘ mal hinaus. Geh‘ mal hinauf. Geh‘ mal hinein.
Der is nunnern Mee ganga. = Der ist hinunter an den Main gegangen.
Ich wolld nur gschwind auf Hoffinga fahr. = Ich wollte nur geschwind nach Hofheim fahren.
Schweiferd = Schweinfurt.
Üüfld = Unfinden (Ortsname).
Fuschd = Fuchsstadt (Ortsname).
Höred = Oberhohenried (Ortsname).
Ich hab heud eewich die Kopffreggn.= Ich hab‘ heute extreme Kopfschmerzen.
Himmelherrschafdsxaven.= Himmelherschaftsxaven.
Is fei a archa Schlabbsau. = Ist aber ein arger Schlamper.

Ich habe diese Auswahl aus meinem persönlichen Erinnerungsrepertoire gezogen, und will darauf hinweisen, dass die Schreibweise nicht als haargenau verbindlich zu lesen und auszusprechen ist. So könnte man „a archa Schalbbsau“ bestimmt auch mit einem stummen r wie „er archer Schlabbsau“ schreiben. Wer wissen will, wie Fränkisch klingt (wenn auch in diesem Fall eher Mittelfränkisch), kann sich ein Video mit der Kunstfigur Erwin Pelzig (dem Kabarettisten Franz-Markus Barwasser) ansehen.

In Franken gelte ich längst als Hochdeutschsprecher, mein Fränkisch gilt als „unecht“. Die Nachbarin meiner Mutter sagt, ich spräche „schön“, „hochdeutsch“. Fränkinnen scheinen seit einiger Zeit zwar zu entdecken, dass ihr Dialekt Nichtsprecherinnen als „sympathisch“ gilt: sie werden aber dennoch oft vom Dünkel geplagt, man gälte Normdeutschsprecherinnen als irgendwie dümmlich oder trampelhaft, wenn man nicht automatisch zwischen hartem und weichem D (und B) unterscheiden kann. Dies mag aber eher mit ihrem Selbstbild zusammenhängen: im Gegensatz zu ihren guttural-selbstbewussten, bajuwarischen Nachbarn pflegen sie ein verdruckstes, ambivalentes Verhältnis zu ihrem „Schnabel, wie er ihnen gewachsen ist„.

Sie ähneln darin vielleicht ein wenig den Schwaben und Sachsen, die mit ihren Nasalen ja gar nicht anders zu können scheinen, als ihr Leben lang ihrem „Schnabel“ nach zu sprechen. Dennoch fühlen sich fränkische Dialektsprecherinnen letzteren gegenüber irgendwie erhaben. „So schlimm wie die„, so das Selbstbild, spräche man bei weitem nicht. Untereinander, mir san mir, wird der Dialekt sogar explizit gepflegt (vgl. Beitrag über das Laientheater). Dennoch gilt Normdeutsch als prestigeträchtiger, Dialekt als prestigemindernd. Wenn ich einen Lothar Matthäus oder eine Dorothee Bär in ihrem rudimentären Fränkisch radebrechen höre, kann ich das auch verstehen. Trotzdem empfinde ich Normdeutsch als genau das, was es für mich auch ist: als geschriebene Sprache. Normdeutsch klingt auch gesprochen so wie gedruckt.

So reflektiere ich meinen Pseudourlaub auf der Rückfahrt mit dem Zug von Bamberg nach Berlin, während die elegische Schönheit knorriger Weiden längs der mäandernden thüringischen Saale an mir vorbeizieht. Die versöhnliche Hintergrundkulisse bilden unermesslich alte, auf wenige hundert Meter hinabgeschliffene Gebirgsrümpfe. Kurz zuvor noch saß ich über eine Stunde lang genüsslich lungernd auf den Treppenstufen vor dem königlich-bayerischen Sandsteinbau des Bamberger Bahnhofs, vor mich zwei riesige Rucksäcke und die zum Handgepäck gewandte Fahrradtasche gebreitet. Ich wechsle ins Präsens.

Altensetein2
Die Burgruine Altenstein in den Haßbergen besteht aus dem typischen Sandstein der Gegend.

Szene vom Bamberger Bahnhof

Es ist weder kühl noch warm an diesem beigen Spätsommertag, und nur der boshafte Zigarettenqualm eines bayerischen Bullen macht die Luft überhaupt wahrnehmbar. Mal lese ich in der französischen Presse, dann starre ich entrückt ins Hier und Jetzt. Meine Pupillen bleiben reglos, wie fest ich auch aus endloser Entspannung in den weiß-grauen bayerischen Himmel blicken mag. Irgendwo in südlicher Richtung verbirgt sich zu dieser Mittagsstunde die Sonne hinter einem diffusen Kondensat, um heute mitteleuropäisch dezent von ihrem vorherbstlichen Blendwerk abzusehen.

Die weich machende Milde der Luft taucht das halburbane Treiben der Luitpoldstraße in eine stoische Stimmung des immerfort sitzen bleiben Wollens. Und so will es auch kommen: schließlich verpasse ich meinen Fernbus nach Berlin. Wie ich in meine Alpenwanderhose gekleidet so da sitze, zeigen mir die Blicke bald Englisch, bald Italienisch sprechender Reisender an, dass ich allmählich den Habitus eines globetrottenden Backpackers annehme, soeben heimkehrend von skandinavischen Schärengärten, iberischen Landrefugien, balkanischen Schluchten. Zwar hat sich in ganz Europa inzwischen eine neuartige Rollkoffermode durchgesetzt; doch die Schnallen, Gurte und Kordeln abgewetzter Trekkingrucksäcke vermitteln seit Jahrzehnten das gleiche, vitale Klischee der abenteuerlich Herumkommenden. Ich werde zum Teil einer Kulisse, die ich selbst betrachtete und erlebe.

Ein grüner Fernbus fährt schließlich an mir vorbei. Ich sehe, wie der Beifahrer die neu zugestiegenen über das Bordmikrofon begrüßt. Mir dämmert ein wenig gleichgültig: es ist Mein Fernbus. Vorsichtig will sich Verärgerung in mir regen, die ich aber sofort zurückweise und in der eingenommenen Gleichgültigkeit festhalte. Ich visualisiere die aufsteigende Blase von Ärgernis, denke kurz an eine Anekdote aus Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“, sage mir – immer noch inspiriert von Hape (als Gisela):

„Nicht in diesem Ton!“„Das möchte ich nicht!“

Ich kann kurz und herzhaft auflachen. Ich werfe also einen letzten Blick auf das Fernbusticket, das einen kleinen Stadtplanausschnitt enthält, und erkenne, dass die Haltestelle hundert Meter weiter links um die Ecke an der Ludwigstraße liegt, kurz vor der Einfahrt zum Bahnhofsvorplatz. Ich kann die Haltestelle von meinem Lungerplatz aus also unmöglich sehen. Ich werfe das Ticket ohne viel Federlesens in den Müll und kaufe mir ein 90 Euro teures Bahnticket. Es is‘ wie’s is‘. Zum Trost denke ich kurz an Naddy und sage mir:

„Geld spielt keine Rolle!“ „Was kostet die Welt? Ich nehm‘ gleich zwei!“

Ich muss eine weitere dreiviertel Stunde auf den nächsten Zug warten. Aus der Kulisse herausgerissen, wäre es unecht gewesen, sich wieder vor das Gebäude auf die Sandsteinstufen zum erneuerten lungern zu setzen. Ich bleibe, wo ich bin: vor einem Bäckerladen, hole mir einen Kaffee (…was kostet die Welt?). Rings um mich herum wird in dezimeterdicke, nitritpökelrote Leberkässcheiben zwischen Brödlich-Hälften neigebissen. Wo es nicht schmatzt und tropft, werden vollbusige Dialektgespräche über Beerdigungen und Krankenhausbesuche geführt. Eine Alte mit Leberkäsbrödla in der Hand wirft mir einen lüsternen Blick zu. Ein marktiefes Schaudern lässt meine Unterarmbehaarung gegen die bägbäggerischen Hemdsärmel schlagen, und eine altbekannte Stimme in mir rät:

Du musst dringend fort von hier.


1. Es liegt in der Natur der Sache, nämlich in der Dynamik der Abwertung des Dialekts im Gegensatz zur Norm- oder Hochsprache, dass die meisten Dialekte in allererster Linie in gesprochener Sprache verwendet werden. Zwar wird immer wieder betont, dass es in diesem oder jenem Dialekt wichtige literarische Beiträge gebe, doch die Wahrheit ist natürlich, dass fast ausnahmslos alles, was von Dialektsprecherinnen geschrieben wird, nicht im Dialekt erfolgt, weshalb in Extremfällen von Diglossie die Rede sein kann.

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