Dissertation (Zusammenfassung)

(Un-)Sicherheit, Familisierung und Kultur: Die Verdichtung einer kommunikativen Figuration zwischen Bosnien-Herzegowina und der Türkei und die Wende der öffentlichen Meinungen seit 1992

Dissertation von Thomas Schad

Humboldt-Universität zu Berlin

Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies

Rahmen-daten

Meine Dissertationsschrift trug bei ihrer Verteidigung am 7.7.2020 an der Humboldt-Universität zu Berlin den Arbeitstitel (Un-)Sicherheit, Familisierung und Kultur: Die Verdichtung einer kommunikativen Figuration zwischen Bosnien-Herzegowina und der Türkei und die Wende der öffentlichen Meinungen seit 1992. Die Dissertation ist das Ergebnis einer mehr als zweijährigen Feldarbeit in der Türkei und auf dem Westbalkan. Im Oktober 2013 begann ich die Arbeit als DFG-Stipendiat der Exzellenzinitiative des Bundes an der internationalen Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies. Für ein zusätzliches Feldstudienjahr in Sarajevo konnte ich ein zehnmonatiges Stipendium der Europäischen Kommission (EACEA / Erasmus Mundus) einwerben. Von Anfang bis Ende war ich Mitglied des Forschungskolloquiums am Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte der HU Berlin, wo mich Professor Hannes Grandits als Erstgutachter betreute. Zweitgutachterin war Professorin Ingeborg Baldauf vom Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der HU Berlin. In Istanbul genoss ich die Unterstützung durch Professor Ayhan Kaya vom European Institute der Bilgi-Universität sowie (besonders zu Beginn) durch das Präsidium der Sabancı-Universität. In Sarajevo war ich bei Professor Husnija Kamberović von UMHIS / Universität Sarajevo zu Gast. Die folgenden Textabschnitte sind der Einleitung meines Dissertationstextes entnommen und etwas überarbeitet.

Abstract

Im Mittelpunkt dieser Dissertationsthese steht eine diskursive Wende in Südosteuropa und Anatolien, die zugleich Teil der größeren, geopolitischen Wende der 1990er Jahre ist. Diese ist im vorliegenden Fall besonders von zwei Entwicklungen markiert: erstens durch den jugoslawischen Staatszerfall mit dem Bosnienkrieg von 1992-1995, der besonders von den direkt betroffenen Muslimen des Balkans sowie ihren zwischen den 1950er-1970er Jahren in die Türkei ausgewanderten Verwandten und Glaubensgenossen (Muhacir) als traumatischer und Existenz bedrohender Einschnitt erinnert wird. Zweitens kam es in der Türkei zum Aufstieg des politischen Islams aus dem Umfeld der Bewegung Milli Görüş, der sich mit der bis heute herrschenden Partei AKP und ihrer ikonischen Führerfigur als bestimmende, politische und neopopulistische Kraft etablieren konnte. Verterter*innen des AKP-Regimes sind von einer globalen Sendemission motiviert, durch die sie sich als Sicherheitsgarant*innen der Muslim*innen des Balkans gerieren, aber auch im Sinne ihres eigenen Zivilisations- und Kulturverständnisses tätig sind. Nach dem Eintreten des fragilen Friedens auf dem Balkan ab Anfang der 2000er Jahre, sowie durch die gleichzeitig immer weiter fortschreitende Medialisierung im Zuge der Digitalen Revolution, haben sich die Möglichkeiten grenzübergreifender Aktionen für alle Diskursteilnehmer*innen grundlegend verändert und erweitert. Dadurch hat sich zwischen Bosnien-Herzegowina und der Türkei eine kommunikative Figuration entfaltet und verdichtet, die den Raum der öffentlichen Meinungen stark verändert hat. Als kommunikative Akteur*innen der Figuration kommen in dieser Arbeit bosniakische Muslim*innen des Balkans, ihre bosniakisch-türkischen Verwandten aus (hauptsächlich) zwei Istanbuler Stadtbezirken, sowie Vertreter*innen der offiziellen türkischen Öffentlichen Diplomatie zu Wort. Die unterschiedlichen Texte, medialen Produktionen und Sprechakte werden über einen Mehr-Methoden-Ansatz erfasst und über eine mehrsprachige Metaphernanalyse ausgewertet. So können Handlungslogik, Motivationen, Interessen und zentrale Konflikte der unterschiedlichen Diskursteilnehmer*innen herausgearbeitet werden. Andererseits kann die Arbeit auch zu einem besseren Verständnis neopopulistischer Regime beitragen, die unter Bedingungen kollektiver Unsicherheitsgefühle über die mediale Mobilisierung starker Emotionen und Affekte auch außerhalb der hier analysierten Figuration Konjunktur haben.

Keywords

Bosnien-Herzegowina ٭ Türkei ٭ Istanbul ٭ Sarajevo ٭ Sandžak ٭ Migration ٭ Muhacir ٭ Muhadžir ٭ Kulturdiplomatie ٭ Public Diplomacy ٭ Türkische Außenpolitik ٭ AKP ٭ SDA

Hintergrund

Die Forschungsfrage dieses Dissertationsprojekts ist ursprünglich der Beschäftigung mit dem Thema der muslimischen Migrationen aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Türkei entwachsen. Die Fragestellung hat sich aber im Prozess ihrer Operationalisierung und der Feldstudienaufenthalte in der Türkei und auf dem Balkan zeitlich, methodisch, räumlich und in ihren theoretischen Bezügen so stark verändert, dass diese Arbeit schließlich zu einer multidisziplinären Studie über einen Prozess der geopolitischen, medialen und institutionellen Wende geworden ist. Im Mittelpunkt dieser Wende steht die Frage, wie es zu der diskursiven Verdichtung in den öffentlichen Meinungen zwischen dem Westlichen Balkan und der Türkei gekommen ist, die man auch als Brückendiskurs bezeichnen könnte: das Symbol der Brücke ist die unübersehbare, allgegenwärtige Trope, die in jedem Winkel des Diskurses auftaucht. Diejenigen, die diese diskursive Brücke immer wieder (re-)produzieren, erfasse ich in Anlehnung an Norbert Elias’ Figurationssoziologie als bosniakisch-türkische kommunikative Figuration (genauer unter Theorien & Methoden).

Eines ist jedoch an dieser Fragestellung von Anfang an gleich geblieben: das Thema des Fortgangs der  Türkei vom Balkan, in dessen Zuge massenhaft europäische Muslime in die heutige Türkei ausgewandert sind oder vertrieben worden waren, spielt in diesem Wende-Diskurs eine ganz zentrale Rolle. Doch wie genau es dazu gekommen ist, dass sich die Fragestellung in ein Projekt entwickelt hat, das die Primärerfahrung der Migrantinnen als Thema innerhalb eines weiteren Diskurses erforscht, dessen Wendemoment (grob zusammengefasst) im Motiv des Fortgangs (in Gestalt der Migrationen) und der Rückkehr (in Gestalt der Sichtbarwerdung türkischer Akteure auf dem Balkan) besteht, will ich in der folgenden Rückschau darstellen. Diese beginnt thematisch fast genau da, wo meine Magisterarbeit abschloss.

Für meine Magisterarbeit aus dem Jahr 2011 hatte ich zwei Diskursausschnitte aus dem Ersten Jugoslawien und der frühen Republik Türkei der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts untersucht und miteinander verglichen, die schließlich in einem einvernehmlichen, bilateralen Abkommen jugoslawischer und türkischer Spitzendiplomaten zur geplanten Aussiedlung von 200.000 Muslimen aus dem sogenannten Südserbien (Južna Srbija) hätten führen sollen.[1] In diesem Abkommen aus dem Jahr 1938, so die Erkenntnis der Magisterarbeit, spiegelten sich die Interessen von Vertretern beider Staaten wieder. Obwohl das Abkommen schließlich nicht umgesetzt wurde, konnte ich in der vorliegenden Dissertation dennoch auf wichtige Erkenntnisse dieser diskursanalytischen Vorarbeit aufbauen: denn trotz des „Scheiterns“ des Aussiedlungsabkommens von 1938, und trotz der großen politischen Veränderungen während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit, sollten die Gebiete des damals sogenannten Südserbiens — nämlich der Sandžak von Novi Pazar zwischen dem heutigen Montenegro und Serbien, das Kosovo und die heutige Republik Nordmazedonien — auch in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stark von Abwanderung bosniakischer (und anderer) Muslime in die Türkei betroffen sein.[2]

Im Jahr 1953 kam es mit dem schriftlich nicht dokumentierten, sogenannten Gentlemen-Agreement zwischen der Regierung İnönü und der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (FNRJ/SFRJ)[3] sogar zu einer Wiederbelebung des bilateralen Versuchs, die Aussiedlung von Muslimen aus Jugoslawien in die Türkei gesetzlich zu regeln. Wie noch zu sehen sein wird, finden sich Diskurselemente der Zwischenkriegszeit auch in der Nachkriegszeit wieder.[4] Zudem war das aus der Zwischenkriegszeit stammende, türkische Besiedlungsgesetzes (İskan kanunu No. 2510 von 1934) bis 2006 wirksam und für die gesamte Einwanderung bis in die jüngste Zeit maßgebend.[5] In dem Gesetz werden muslimische Flüchtlinge und Immigranten Muhacir genannt. Aus diesem und weiteren Gründen, wie der Selbstbezeichnungspraxis der Muhacir selbst, wird dieser Begriff fortlaufend für muslimische Migrant*innen und Einwanderer in der Türkei verwendet.

Doch im Gegensatz zur Magisterarbeit, in der ich ausschließlich repräsentative Texte wie den Gesetzestext des türkischen Besiedlungsgesetzes von 1934 und die Dokumentation einer Interministeriellen Konferenz zur Aussiedlung des nichtslawischen Elements aus Südserbien (1935) untersuchen und mit hegemonischen, nationalistischen Narrativen beider Länder kontextualisieren konnte, interessierte ich mich in meinem Dissertationsprojekt von Anfang besonders für die Perspektive derjenigen, für die diese Migrationsbewegungen als Primärerfahrung am relevantesten waren: nämlich die Ausgewanderten selbst. Diese Perspektive konnte die Magisterarbeit nicht berücksichtigen. Durch den großen zeitlichen Abstand zwischen meinem Forschungszeitraum und der Zwischenkriegszeit wäre es auch schwierig bis unmöglich gewesen, die Perspektive der Migrantinnen zu erfassen, die sich in der Zwischenkriegszeit ungeachtet des Aussiedlungsabkommens auf den Weg gemacht hatten — zumindest nicht mit den ethnographischen Methoden, die ich hier unter anderem verwendet habe.

Um einen ersten Eindruck von den Menschen zu gewinnen, die in jüngerer Zeit ausgewandert waren — nämlich zwischen den 1950er und 1970er Jahren — wo sie lebten und wie sie sich organisierten, waren bereits im Internet kursierende Zeitungsartikel, Profile und Gruppen in Online Social Networks (OSN) wie Facebook hilfreich. Dadurch konnte ich bereits vor meiner ersten Feldstudienreise nach Istanbul und Izmir im Frühjahr 2014 beobachten, dass bosniakische Vereine präsent und aktiv waren.

Ausgangslage

Eine erste Feldstudienreise brachte mich von März bis Mai 2014 nach Istanbul und Izmir, wo ich das erste Mal Muhacir kennengelernt habe, die in der Türkei seit Anfang der 1990er Jahre zahlreiche Vereine (fortan: Dernek) gegründet haben, die sich dem Engagement um Kultur und Hilfe bzw. Solidarität verschrieben haben. Dies geht bereits aus ihren Bezeichnungen hervor: die bosniakischen Vereine in Istanbul und Izmir tragen grundsätzlich die Attribute Helfen (Yardımlaşma) bzw. Solidarität (Dayanışma) und Kultur (Kültür) im Namen. Dank des Internets und der neuen Möglichkeiten, Aktivitäten auch aus der Ferne über die OSN zu verfolgen, konnte ich etwa im Frühjahr 2014 beobachten, wie während der Flutkatastrophe, von der der gesamte sogenannte Westliche Balkan betroffen war, die Derneks aus der Türkei ihren Verwandten halfen.[6]

Gleichzeitig beobachtete ich über Desktoprecherche, OSN und Neue Nachrichten, dass staatliche türkische Akteure ebenso halfen und aktiv waren, wobei es in diesen Nachrichten mitunter gar nicht ohne weiteres klar war, ob es sich bei den Akteuren um Regierungsvertreter oder zivilgesellschaftliche Akteure aus dem Umfeld der Derneks handelte: ein Beispiel dafür ist eine Nachricht aus dem Juni 2014, nach dem Höhepunkt der Flutkatastrophe, in der Mehmet Müezzinoğlu, der damalige Gesundheitsminister der herrschenden Partei AKP, auf einem Treffen der Gruppe Plattform der Freunde des Sandžaks (Sancak Dostları Platformu) im westanatolischen Manisa über das Helfen der Türkei spricht und dabei gleichzeitig Wahlkampfunterstützung für Recep Tayyip Erdoğan macht.[7] Eine Helferin fehlte dabei nicht: nämlich das Türkische Präsidium für Internationale Kooperation und Koordination (Türk İşbirliği ve Koordinasyon Ajansı Başkanlığı, fortan: TİKA), welches noch vor den Yunus-Emre-Kulturinstituten (Yunus Emre Enstitüsü, fortan: YEE) am sichtbarsten unter allen türkischen Institutionen auf dem Balkan ist — wenn man von Tourismus als Institution einmal absieht.[8] Die beiden grundsätzlichen, miteinander verwobenen Aktionsaspekte des Helfens und der Kulturarbeit der türkischen Akteure werden an diesen beiden großen Institutionen bereits deutlich.

Oft verwenden regierungsnahe Vertreter das gleiche Vokabular, die gleichen Themen und die gleichen Symbole wie Vertreter der Derneks, deren Mitglieder ihrerseits sich oft nicht als Parteigänger der herrschenden Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung bzw. Entwicklung (Adalet ve Kalkınma Partisi, fortan: AKP) bezeichnen. Das prominenteste von allen Akteuren verwendete Symbol, die Brücke, wurde bereits genannt. Weitere Nachforschungen ergaben, dass beide Gruppen von Akteuren aus der Türkei nicht nur während der Flutkatastrophe gleichzeitig aktiv waren und halfen, sondern auch außerhalb des unmittelbaren Notstands.

Ein besonders prominentes und herausragendes Beispiel des Helfens und Beistehens bietet jedes Jahr am 11. Juli das Gedenken an den Genozid an den bosnischen Muslimen (Bosniaken) im Jahr 1995. Dieses Thema wird unter dem Motto Lasst uns nicht vergessen, und lasst uns nicht vergessen lassen (Unutmayalım, Unutturmayalım) sowohl von Dernek-Vertretern in die Öffentlichkeit getragen, als auch von Vertretern der offiziellen Türkei.[9] In diesem Zusammenhang taucht auch sehr häufig das Konterfei des bosniakisch-bosnischen Präsidenten der Kriegszeit auf, Alija Izetbegovićs, um den sowohl unter den Muhacir als auch unter Vertretern der offiziellen Türkei, unter Angehörigen der herrschenden Partei, sowie in anderen islamistischen Milieus ein ausgeprägter Personenkult betrieben wird.

Der 2003 verstorbene Alija Izetbegović ist in Bosnien-Herzegowina (fortan entweder Bosnien oder BiH) eine kontroverse Figur, besonders unter säkularen Bosniakinnen.[10] Alija Izetbegović war Mitglied der Jungen Muslime (Mladi Muslimani), Intellektueller, Gründungsmitglied und Erster Vorsitzender der Partei der demokratischen Aktion (Stranka demokratske akcije, fortan: SDA), die als Partnerpartei der AKP gilt. Seit dem Beginn meiner Feldstudien im Jahr 2014 ist Alija Izetbegovićs Sohn Bakir Izetbegović Erster Vorsitzender der SDA und pflegt eine öffentlich immer wieder inszenierte Nähe zum Führer der AKP, Recep Tayyip Erdoğan, der sich wiederum ständig auf Alija Izetbegović bezieht und zum Ausbau des Personenkults enorm beigetragen hat. Der Personenkult um Alija Izetbegović in AKP-Kreisen (aber auch unter den Muhacir) wird von SDA-Anhängerinnen und islamisch ausgerichteten Akteurinnen mit einem Personenkult um Recep Tayyip Erdoğan erwidert, begleitet von lautem Schweigen zur ausländischen Kritik am autoritären Führungsstil des AKP-Führers. Hier wird bereits ein immer wieder anzutreffendes, kommunikatives Charakteristikum der Figuration und ihrer Öffentlichkeit deutlich: Die Figur Alija Izetbegović wird zwar von allen hier aufgeführten Akteurinnen verwendet. Vielen der bosniakischen Muhacir in Istanbul käme es aber nicht in den Sinn, die AKP zu wählen und ihren von ihrer Verwandtschaft auf dem Balkan teils wie einen Popstar gefeierten Führer Recep Tayyip Erdoğan zu unterstützen.

Die Frage nach der Rolle offizieller und populärkultureller Kulturdiplomatinnen in diesem bosniakisch-türkischen Diskurs hat sich aber erst bei meiner zweiten, zweimonatigen Forschungsreise zwischen Sarajevo und Skopje im Spätherbst 2014 meiner Fragestellung hinzugesellt, während ich auf das Forschungsvisum für den zehnmonatigen Türkeiaufenthalt im darauf folgenden Jahr gewartet habe. Ich habe im memleket, dem Herkunftsgebiet der Muhacir, Familien und Namen aus Istanbul getroffen, die von den zahlreichen Verbindungen zwischen Ausgewanderten und ihren Herkunftsorten zeugen. Sie nutzen die vereinfachten Reisemöglichkeiten und die neue räumliche Nähe — ob per Flugzeug, ob durch die täglichen und günstigen Busverbindungen zwischen Istanbul-Bayrampaşa, Pendik und dem Sandžak — um ihre Verwandten zu besuchen, in Ortschaften zu investieren, Gebäude zu renovieren oder anderweitig kulturell aktiv zu werden.

Sehr viel sichtbarer als diese Aktivitäten waren aber diejenigen der offiziellen Türkei. In Gesprächen mit unterschiedlichsten Personen zwischen Bosnien und dem damaligen Mazedonien (FYROM) konnte ich feststellen, dass die unübersehbare Anwesenheit offizieller türkischer Helfer, Kulturdiplomaten, aber auch und ganz besonders die populärkulturellen TV-Serien, erhebliche Auswirkungen auf die Produktion öffentlicher Meinungen hatten: teilweise lösten sie Kritik und Kontroversen aus, teilweise wurden sie begrüßt. Deshalb war die Fragestellung naheliegend, wie die unterschiedlichsten Akteursgruppen — bosniakische Muhacir vom Balkan in der Türkei und ihre Derneks einerseits, Vertreter der offiziellen Türkei andererseits, sowie öffentliche Meinungen des Balkans und der Türkei — miteinander korrelierten.

Forschungs-frage

Es scheint zunächst vielleicht auf der Hand zu liegen, dass das Helfen der offiziellen, während meiner Feldstudien als prosperierend geltenden Türkei, sich positiv auf die öffentlichen Meinungen des Balkans auszuwirken hätte. Und tatsächlich waren in der Öffentlichkeit von Städten wie Sarajevo Liebesbekundungen an die Türkei, zwischen der Türkei und Bosnien und anderen Orten, nicht nur in den Internetportalen, auf Fanseiten begeisterter Serienfans, in einschlägigen Gruppen der OSN, in den Tageszeitungen und in Gesprächen anzutreffen: allerorten offenbarten sich bosnischerseits turkophile und türkischerseits balkanophile öffentliche Meinungen auf dem Meinungsmarkt in der Symbolik von Fan-Artikeln, die im wortwörtlichen Sinn vermarktet wurden. Der Tourismus war ein unübersehbarer, wichtiger Faktor in der Produktion bosniakisch-türkischer öffentlicher Meinungen.

Wer auf dem Balkan eine Stadt bereist, sucht mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die Čaršija (von Türkisch Çarşı) auf, wie die osmanischen Altstadtkerne und alten Marktzentren in Sarajevo, Skopje, Novi Pazar und in anderen Städten genannt werden. Diese werden auch von der Tourismusindustrie gezielt vermarktet, weil wie überall im traditionellen Tourismus des 20. und 21. Jahrhunderts pittoreske Altstädte als am sehenswertesten gelten. In der Baščaršija (Hauptmarkt), wie die in der gesamten Jugosphäre[11] bekannten Čaršija in Sarajevo bezeichnet wird, wurden während meiner Feldstudien neben allerlei religiösen Devotionalien, Olympiade-1948-Symbolen und T-Shirts, verzierten und gravierten Geschosshülsen aus dem Krieg, den üblichen Webteppichen, Kaffeesets, Tüchern und Klamotten aus indischer Produktion, orientalisierenden Messinggefäßen (häufig Made in Turkey), Postkarten und Kühlschrankmagneten besonders auffällig Schals mit der Aufschrift „Osmanische Enkel“ (Osmanlı Torunu) und mit dem Symbol eines Herzens verkauft. Das Herz war in beider Länder Flaggenfarben in eine bosnische und in eine türkische Hälfte geteilt (Abb. 1).

Im Stadtzentrum Skopjes, wo seit jeher neben Mazedonisch, Albanisch und Romani (sowie anderen Sprachen)[12] auch Türkisch gesprochen wird, konnte der Öffentlichkeit in jenem Teil des Zentrums, das der Alten Čaršija (Stara Čaršija) gegenüberliegt, die Anwesenheit der Türkei durch die zahlreichen Werbetafeln der staatlichen türkischen Halkbank, sowie durch den inzwischen nicht mehr dort befindlichen Verwaltungssitz des Yahya-Kemal-Colleges, unmöglich entgehen (Abb. 2).[13] In der Stara Čaršija auf dem anderen Ufer des Vardars, wo ich mich mit einem türkischsprachigen Goldhändler über die Aktivitäten großer türkischer Bauholdings wie ENKA oder Cevahir unterhalten habe, fand sich sogar Wahlkampfwerbung der türkischen Partei AKP (Abb. 3), die sich offenbar an türkische Staatsbürger in Nordmazedonien richtete. Von den vielen Bautätigkeiten, insbesondere im Bereich der osmanischen und religiösen Bauwerke, die von türkischen Holdings und regierungsnahen Institutionen renoviert oder wiederaufgebaut werden, wird noch ausführlicher die Rede sein, und so sei als letzter Eindruck hier ein Bild (Abb. 4) einer Werbung für die türkische Bauholding Cevahir vom Stadtrand der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje wiedergegeben. Das Bild verdeutlicht, dass sich die Tätigkeiten türkischer Akteure keineswegs auf ein Feld begrenzen lässt, das einzig und allein Bezug auf die osmanische Vergangenheit oder Religion nimmt: das Bauprojekt Sky City war für Luxuswohnungen, eine Shopping Mall und Geschäftsräume vorgesehen und stellt eine wichtige Investition der Holding dar, die wie eine wachsende Zahl türkischer Holdings der  der herrschenden Partei AKP nahesteht. Der gesamte Bausektor stellt(e) einen Hauptpfeiler des türkischen Wirtschaftswachstums dar.[14]

All diese Tätigkeiten sind in der Öffentlichkeit der Balkan-Čaršijen gut sichtbar, wobei die Čaršija durch den neuen Tourismus nicht nur einen lokalen, einheimischen, sondern auch einen gemischten, kosmopolitischen Meinungsmarkt darstellt. Als „pictures in our heads“, mit denen der US-amerikanische Journalist Walter Lippmann Stereotypen verglichen hat, die auf die öffentliche Meinung einwirken, sind diese und zahlreiche weitere, öffentlich sichtbare bauliche sowie (populär-)kulturelle, mediale Bild-Produktionen — zumeist unter dem Dach einer der vielen Holdings der Türkei — aber nicht nur an und für sich beachtenswert.[15] Für die Öffentlichkeiten des Balkans, aber auch für Außenstehende, die mit dem Westlichen Balkan aus der Zeit vor dieser baulichen und textuellen Verdichtung unter türkischen Vorzeichen vertraut sind, stellen sie außerdem einen Kontrast dar: im Gegensatz zu anderen westlichen und globalen (japanischen, indonesischen, malayischen, arabischen u.a.) Investoren, Helfern und populärkulturellen Textproduzentinnen gab es ein vergleichbares, sichtbares Engagement türkischer Akteure vor dem Aufstieg der AKP nicht. Das gilt insbesondere für die Zeit nach den Kriegen der 1990er Jahre, da die Öffentlichkeit besonders im stark kriegszerstörten Bosnien-Herzegowina (und auch Kosovo) von Akteuren der sogenannten Internationale Gemeinschaft (Međunarodna Zajednica) geprägt war. Im Verhältnis zwischen Intervenierenden und Intervenierten, sogenannten Internationals und Locals, traten in der Phase des Peacebuildings kaum türkische Akteure in Erscheinung — abgesehen von den türkischen Soldaten der SFOR.[16] Wie in Kapitel 3.2 gezeigt wird, waren viele türkische „Helfer-Institutionen“ damals noch gar nicht gegründet.[17]

Bei diesen Aktivitäten handelt es sich also einerseits um etwas völlig Neues. Dennoch war während meiner Feldstudien in den öffentlichen Meinungen des Balkans immer wieder zu hören und zu lesen, „die Türkei“ sei auf den Balkan „zurückgekehrt“. Es sei aber nicht nur die Türkei zurückgekehrt; es war und ist auch immer wieder die Rede von einer „Rückkehr der Geschichte“ bzw. von „Neo-Osmanismus“. Unter dem Titel „Neo-Osmanismus. Die Rückkehr der Türkei auf den Balkan“ (Neoosmanizam. Povratak Turske na Balkan) hat der serbische Orientalist und ehemalige Botschafter in der Türkei diese zwei Aspekte der figurativen Rückkehr bereits 2010 formuliert und damit eine balkanweite Kontroverse in der Öffentlichkeit ausgelöst — ein Jahr nach der Eröffnung des ersten Yunus-Emre-Instituts (fortan auch: YEE) und im selben Jahr der Erstausstrahlung einer türkischen TV-Serie in den Jezik*-Gebieten.[18]

Doch wenn von einer Rückkehr der Türkei die Rede ist, ist dieser logischerweise ihre vorangegangene Anwesenheit und ihr Fortgang inhärent. Genau in diesem Gegensatz steckt eine diskursive Wende, die immer wieder produziert wird, und diese Wende von figurativem Fortgang zu figurativer Rückkehr steht am Anfang des in dieser Arbeit beschriebenen Verlaufs einer diskursiven Verdichtung. Doch inwiefern haben die Migrationen in die Türkei — als sehr reale oder wörtliche „Fortgänge“ — mit der figurativen Rückkehr der Türkei zu tun? Die türkische Politikwissenschaftlerin Nurcan Özgür Baklacıoğlu stellt dazu in ihrem Resümee eines Aufsatzes über die Bedeutung der Auswanderung aus dem ehemaligen Jugoslawien von 2015 fest, dass die durch Flucht entstandenen Verwandtschaftsbeziehungen geradezu den Grundstein für die gegenwärtige türkische Außenpolitik bildeten:

Nachdem die Migranten, die alle Formen von Gewalt durch Nationalismus, Rassismus, nationaler Unsicherheit und Verfolgungswahn auf sich geladen (sırtlanan) und über ein Jahrhundert hinweg die Rolle einer zuverlässigen Brücke der Balkanpolitik der Türkei aufrecht erhalten haben, haben sie den legitimen (meşru) Grundstein für Ankaras historischen, kulturellen und politischen Einfluss in Bezug auf die Region gelegt. Die bestehenden Verwandtschaftsnetzwerke zwischen den Migranten (in der Türkei, Anm. TS) und den Communities (topluluklar) in den Balkanländern haben in der Region das Fundament für die Ausweitung des auf dem Diskurs über das osmanische Erbe und auf den Verwandtschaftsgemeinschaften beruhenden, transnationalen Einflussraums der Türkei (egemenlik alanı) (transnationale Wahlen, multiple Staatsangehörigkeiten, Gemeindepartnerschaften, Schulen, Vereine, etc.) sowie für die Implementierung politischer Maßnahmen in dieser Richtung gelegt.[19]

Baklacıoğlu formuliert also einen direkten Zusammenhang zwischen den Migrationen der Vergangenheit und dem kultur- und außenpolitischen Engagement der Türkei der letzten Jahre.[20]

Um zu einer Einschätzung zu gelangen, wie erfolgreich diese Rückkehr ist, wie sie ankommt und welche Auswirkungen sie auf die Öffentlichkeit hat, sind vordergründig öffentliche Meinungen von Interesse, von denen bereits die Rede war. Auf Jezik* gibt es dafür die Phrase „Was sagt die Čaršija“? (šta čaršija kaže?).[21] Die Čaršija spricht in Phrasen, Stereotypen, Gemeinplätzen und anderen öffentlichen Meinungen, die hier deshalb ermittelt werden sollen. Dahinter stehen folgende Fragen:

  • Welche Interessen verfolgen die unterschiedlichen Diskursteilnehmerinnen, die in groben Zügen als drei Gruppen bereits genannt wurden?
  • Erstens — wie blicken diejenigen auf die Rückkehr der Türkei auf den Balkan, die im Gegensatz zur abstrakten Metonymie „die Türkei“ persönlich oder als Nachfahren von Muslimen (und bei Ankunft bereits als Türken) vom Balkan in die Türkei fortgegangen waren?
  • Zweitens — wie wird diese Rückkehr in Gestalt von Bautätigkeiten und Textproduktion in den Öffentlichkeiten des Balkans wahrgenommen, und welcher Wert wird diesen Tätigkeiten beigemessen? Können sie den Raum aufwerten bzw. gentrifizieren?
  • Drittens — wer und welche Interessen stehen hinter den institutionalisierten Akteuren der offiziellen Türkei, und zu welchem Zweck sind Akteure gentrifizierend tätig? 
  • Wie „denken“ diese Institutionen?
  • Wie verstehen sich diese Akteure eigentlich untereinander — da sie in vielen Fällen unterschiedliche Sprachen sprechen, unterschiedlich sozialisiert sind und unter den Symbolen der symbolträchtigen Sprache unter Umständen etwas ganz unterschiedliches verstehen?

Um also zu ermitteln, was diese vielstimmige Balkan-Čaršija mit ihren einheimischen und internationalen (türkischen) Akteur*innen zu alldem sagt — und was andererseits in den bosniakischen Nachbarschaften (Mahalle) in Istanbul dazu gemeint und gedacht wird, habe ich den soziologischen Begriff der Figuration erweitert und operationalisiert.

Theorien & Methoden

Laut Norbert Elias kann man den Begriff der Figuration auf eine kleine Gruppe von vier Personen, die an einem Tisch sitzen und mit einander Karten spielen, ebenso beziehen wie auf große Gruppen — wie ganze Nationen: Man kann ihn auf relativ kleine Gruppen ebenso wie auf Gesellschaften, die Tausende oder Millionen interdependenter Menschen miteinander bilden, beziehen. Lehrer und Schüler in einer Klasse, Arzt und Patienten in einer therapeutischen Gruppe, Wirtshausgäste am Stammtisch, Kinder im Kindergarten u.v.a.m.: sie alle bilden relativ überschaubare Figurationen miteinander. Doch Figurationen bilden auch Bewohner eines Dorfes, einer Großstadt oder einer Nation, obgleich in diesem Falle die Figuration deswegen nicht direkt wahrnehmbar sein muss, weil die Interdependenzketten, die die Menschen hier aneinander binden, sehr viel länger, differenzierter und subtiler sind.[109]

Die Figurationstheorie ist gleichzeitig eine Machttheorie: wie in Hannah Arendts politischem Denken wird das Inter-Esse — das Zwischen-den-Menschen (zwischen dem Balkan und Anatolien) — hier als eigentliche Macht im Elias’schen Sinn verstanden.[110] Norbert Elias hat unter Figurationen ein prozessuales Netz menschlicher Interdependenzen verstanden, die gemeinsam Macht bilden. Er hat stets die Prozesshaftigkeit menschlicher Interdependenzen betont, was durch die entgegengesetzte Tendenz, stattdessen Zustände zu beschreiben, häufig vernachlässigt worden sei.[111] Diese Neigung zu statischen Konzepten ist auch in der Problematik vor allem älterer, nationaler Historiographien wiederzufinden, Staaten — und man beachte die Etymologie des Wortes Staat, herkommend von status (stehend) — den Vorzug zu geben vor Prozessen, Migrationen, Verwobenheiten und anderweitigen, angeblichen Abweichungen von einem wie auch immer vorgestellten, statischen Normalzustand[112]; diese Tendenz hat Elias auch als „Zustandsreduktion“ bezeichnet, die schon in den (westlichen) Sprachen angelegt sei:

Our languages are constructed in such a way that we can often only express constant movement or constant change in ways which imply that it has the character of an isolated object at rest, and then, almost as an afterthought, adding a verb which expresses the fact that the thing with this character is now changing. For example, standing by a river we see the perpetual flowing of the water. But to grasp it conceptually, and to communicate it to others, we do not think and say, ‚look at the perpetual flowing of the water‘; we say, ‚look how fast the river is flowing‘. We say, ‚the wind is blowing‘, as if the wind were actually a thing at rest which, at a given point in time, begins to move and blow. We speak as if the wind were separate from its blowing, as if a wind could exist which did not blow. … This reduction of processes to static conditions, we shall call ‚process-reduction‘ for short … (Elias 2012b: 106-107)[113]

In der bosniakisch-türkischen Figuration ist alles prozessual — angefangen bei der Sprache, deren Erfassung am Anfang jeder geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Arbeit steht, ganz zu schweigen von den Begriffen der Wende und der Verdichtung, die per se als nichts anderes als Prozesse zu verstehen sind. Wenn von einer bosniakisch-türkischen kommunikativen Figuration die Rede ist, darf die oft kitschig wirkende Sprache einiger der wortmächtigsten Akteurinnen aus dem Umfeld der offiziellen Kulturdiplomatie, die permanent von „Liebe“, „Geschwisterschaft“, „geöffneten“ oder „eroberten Herzen“ und dergleichen mehr sprechen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich nicht um einen einmütigen, konfliktfreien Diskurs vieler unterschiedlicher Menschen handelt, der auf prinzipieller Übereinstimmung der Meinungen Aller beruhen würde. Wie zu sehen sein wird, bestehen große Konflikte unter den verschiedenen „Teams“ der Figuration, die nicht sofort offensichtlich sein müssen (zumindest nicht für den Außenstehenden). Norbert Elias hat eine konfliktgeladene Figuration mit dem sehr einfachen Beispiel eines Fußballspiels verglichen:

Gewöhnlich nehme ich als einfachstes Beispiel einer fließenden Figuration ein Fußballspiel. In einem Fußballspiel ist es auch so, daß Sie die Figuration, die das eine Team bildet, nicht verstehen können, wenn Sie nicht die Verzahnung in die Handlungen des anderen Teams sehen. Die Figuration ist nicht die eine Seite und nicht eine andere Seite, sondern die Verzahnung zwischen den verschiedenen Seiten. So steht im Kern einer Figuration sehr oft eine Spannung und sogar ein Konflikt. Systemtheorien sind gewöhnlich harmonistisch. Sie sehen nicht, daß Spannungen innerhalb der Menschen, die eine Figuration bilden, essentiell und zentral zum Wesen der Gesellschaft gehören. Und sie sehen auch nicht so deutlich, daß die Dynamik immer eingebaut ist und daß man die Dynamik der Figuration immer als selbstverständlich genau untersucht.[114]   

Im Zusammenhang der bosniakisch-türkischen Figuration erweist sich der Begriff der Figuration (bzw. des Prozesses) deshalb als geeignet, auch wenn es sich um eine noch weitere Gruppe als eine Nation handelt;[115] allerdings sind die Akteurinnen dieser Figuration Menschen, die teilweise über Grenzen hinweg in direktem persönlichen Kontakt zueinander stehen, teilweise jedoch auch solche, die sich (wie die meisten Angehörigen einer Nation) im „echten Leben“ nie persönlich begegnen, sondern nur über (neue) Medien miteinander in unterschiedliche (figurative) Beziehungen treten. Deshalb bietet sich die Erweiterung des Figurationsbegriffs um jenen der kommunikativen Figuration als nützlich und angezeigt an, wodurch theoretisch alle Akteurinnen erfasst werden können, deren Sprechen, Schreiben, deren Medienkonsum und weiteres Handeln hier relevant sind. Laut der Annahmen des Forschungsverbundes Kommunikative Figurationen sind diese durch drei Haupteigenschaften gekennzeichnet:

  1. Erstens haben kommunikative Figurationen eine bestimmte Akteurskonstellation, die sich als deren strukturelle Basis begreifen lässt: ein Netzwerk von Individuen, die miteinander wechselseitig verbunden sind und kommunizieren.[116] Die Figuration, die sie bilden, kreist dabei um bestimmte Themen und Praktiken:
  2. Zweitens hat jede kommunikative Figuration deshalb dominante Relevanzrahmen, die handlungsleitend für deren konstitutiven Praktiken sind. Diese Relevanzrahmen definieren das ‚Thema’ und entsprechend den Charakter der kommunikativen Figuration als einer sozialen Domäne.
  3. Drittens haben wir es mit bestimmten kommunikativen Praktiken zu tun, die verwoben sind mit weiteren sozialen Praktiken. In ihrer Zusammensetzung beziehen sich dies Praktiken typischerweise auf und sind verschränkt mit einem Medienensemble.[117]

An dieser Stelle ist wesentlich, dass die kommunikativen Praktiken tatsächlich verschränkt sind — und zwar nicht nur mit medialen Praktiken, sondern, wie noch genauer zu sehen sein wird, intermedial mit unterschiedlichen Medien: z.B. sind Fernsehen, Geschichtsbücher, Romane und Online Social Networks verschränkt, indem über relevante historische Themen TV-Serien gedreht oder Romane geschrieben werden, die über OSN Verbreitung finden. Verschränkung findet aber auch zwischen medialer und nicht-medialer Umwelt statt: z.B. sind Fernsehen, Tourismus, Baubranche, Politik, etc. miteinander verschränkt, weil eine renovierte osmanische Brücke über mediale Vermittlung den Tourismus- und Luftfahrtsektor belebt. Besonders die Verschränkung zwischen türkischen TV-Serien und den übrigen Praktiken in der Figuration wird noch genauer dargestellt, weil dem populärkulturellen Medienprodukt der TV-Serie durch ihre schiere Voluminosität, Textualität, Popularität und Rolle in der Öffentlichen Diplomatie besonders große Relevanz zukommt.

Publikation

Die Arbeit wurde im Juli 2020 zusammen mit zwei weiteren Thesen zur Frühen Neuzeit und zum 19. Jahrhundert im Fach Geschichte an der HU Berlin verteidigt (vgl. Beitrag). Die Publikation ist in Vorbereitung, wobei ich noch nach einem geeigneten Verlag suche, der eine hybride Veröffentlichung (Open Access) ermöglicht, die den Autor kein Vermögen kostet. Hinweise und Anregungen dazu nehme ich dankbar entgegen (s. Kontaktformular unten)

Fußnoten

1. Meine Magisterarbeit habe ich über meine Homepage online zugänglich gemacht. Daneben habe ich einen Teil der Arbeit in einem Artikel des Journal of Genocide Research veröffentlicht. Vgl. Schad, Thomas: From Muslims into Turks? Consensual demographic engineering between interwar Yugoslavia and Turkey, in: Journal of Genocide Research, 18:4 (2016), 427-446. URL: http://www.tandfonline.com/doi/ abs/10.1080/14623528.2016.1228634 (zuletzt abgerufen am 31.5.2017) sowie Schad, Thomas (2011): Demographisches Unternehmertum in der Türkei und Jugoslawien: das Beispiel staatlich forcierter Migration jugoslawischer Muslime zwischen den Weltkriegen. Magisterarbeit des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin, online zugänglich über Dunyalook ( = Persönlicher Blog und Homepage von Thomas Schad), URL: https://thomasschad.files.wordpress.com/2018/06/magisterarbeit-thomas-schadfertig.pdf (zuletzt abgerufen am 21.6.2019).

2. Vgl. Bandžović, Safet (2014): Bošnjaci i Turska: deosmanizacija Balkana i muhadžirski pokreti u XX stoljeću. Sarajevo: Author’s edition.

3. Die Socijalistička Federativna Republika Jugoslavija/Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ) wurde von 1946 bis 1963 offiziell Federativna Narodna Republika Jugoslavija/Föderative Volksrepublik Jugoslawien (FNRJ) genannt.

4. Vgl. Rastoder, Šerbo (2018): Komunisti i muhadžiri Crne Gore (1958-1971). Slučaj opštine Rožaje. Podgorica: Almanah, S. 27 ff.; Pezo, Edvin (2013): Zwangsmigration in Friedenszeiten? Jugoslawische Migrationspolitik und die Auswanderung von Muslimen in die Türkei (1918 bis 1966).München: Oldenbourg Verlag, S. 190 ff, 302 ff.

5. Das Nachwirken beider Abkommen habe ich zuletzt in einem Interview auf dem jezik*sprachigen Blog für zeitgenössisches islamisches Denken Algoritam aus Sarajevo diskutiert, vgl. Razgovor sa Thomasom Schadom o iseljavanju muslimanskog stanovništva u Tursku, in: Algoritam (savremena islamska misao) vom 21.5.2019, URL: https://algoritam.net/2019/05/21/razgovor-sa-thomasom schadom/ (zuletzt abgerufen am 21.6.2019).

6. Im Mai 2015 wurde der Balkan von einem extremen Mittelmeertief des Typen Vb getroffen, was zu den höchsten je gemessenen Niederschlagsmengen, Überschwemmungen und weitreichenden Zerstörungen führte. Vgl. Stadtherr, Lisa u.A. (Autoren): Record Balkan floods of 2014 linked to planetary wave resonance, in: Science Advances, Band 2, Nr. 4, 2016.

7. Müezzinoğlu Sancak Dostları Platformunda, in: Yeni Haber vom 1.6.2014, URL: http://www.yenihaberden.com/muezzinoglu-sancak-dostlari-platformunda-35313h.htm (zuletzt abgerufen am 21.6.2019).

8. Sel Mağduru Bosna Hersek’e Tika’dan Tarım Alanında Destek, in: bosnahersek.ba vom 19.6.2014, URL: http://www.bosnahersek.ba/sel-magduru-bosna-herseke-tikadan-tarim-alaninda-destek/ (zuletzt abgerufen am 24.10.2017).

9. Unter diesem Motto berichtet die regierungsnahe Zeitung Karar am 12. Juli 2016, einen Tag nach dem Jahrestag des Falls der damaligen muslimischen Enklave, über Srebrenica: Keçiören Belediyesi, Srebrenitsa Şehitlerini andı, in: Karar (Online) vom 12.7.2016, URL: https://www.karar.com/ankara/kecioren-belediyesi-srebrenitsa-sehitlerini-andi-183965# (zuletzt abgerufen am 21.6.2019).

10. Vgl. Bougarel, Xavier (2018): Islam and Nationhood in Bosnia-Herzegovina: Surviving Empires. New York: Bloomsbury, S. 103 ff. sowie Dizdarević, Zlatko: Alija Izetbegović – tragična dosljednost jedne zablude, in: Matvejević, Predrag/Stevanović, Vidosav/Dizdarević, Zlatko (Hg. (2001): Gospodari rata i mira. Split: Feral Tribune, S. 79 ff.

11. Die Bezeichnung der „Jugosphäre“ (Yugosphere) geht auf Tim Judah zurück, vgl. Judah, Tim: Good news from the Western Balkans: Yugoslavia is dead long live the Yugosphere, in: LSEE Papers on South Eastern Europe (2009), URL: http://www.lse.ac.uk/LSEE-Research-on-South-Eastern-Europe/Assets/Documents/Publications/Paper-Series-on-SEE/Yugosphere.pdf (zuletzt abgerufen am 25.7.2018).

12. Zum Beispiel habe ich bei meinem Besuch des Radio-Television-Gebäudes, wohin ich einen Informanten begleitet habe, der für die bosniakische Redaktion gearbeitet hat, auch die wlachische und serbische Redaktion gesehen und kurz eine wlachische (aromunische) Mitarbeiterin gesprochen. Daneben wird auch Torbeschisch in Nordmazedonien gesprochen.

13. Das Yahya-Kemal-College gehört zur Hizmet-Bewegung um Fethullah Gülen, die von der früher verbündeten türkischen Regierungspartei inzwischen als Terrororganisation („FETÖ“) eingestuft und verfolgt wird. Nach dem misslungenen Putschversuch des 15.7.2016 wurde der seit 2013 zunehmend eskalierende Konflikt zwischen der AKP-Regierung und Hizmet-Bewegung um Fethullah Gülen zunehmend aggressiver ausgetragen, was sogar die Entführung türkischer Staatsbürger auf dem Balkan mit einschloss. Die AKP-nahe Zeitung Timebalkan berichtet zwei Tage nach dem Putschversuch über die „terroristischen Umtriebe“ in Nordmazedonien: Yahya Kemal Koleji mezunları: “Makedonya’daki FETÖ kurumları incelenmeli”, in: Timebalkan vom 17.7.2016, URL: https://timebalkan.com/yahya-kemal-kolejimezunlari-makedonyadaki-feto-kurumlari-incelenmeli/ (zuletzt abgerufen am 21.6.2019).

14. İbrahim Cevahir, der Patron und Namensgeber der Holding, der im September 2015 verstorben ist, war zuletzt AKP-Mitglied, nachdem er im Laufe seines Lebens auch schon Mitglied der heutigen Oppositionspartei CHP und der früheren Anavatan Partisi (ANAP) war. Die Holding hat unter anderem die zweitgrößte Shoppingmall Europas in Istanbul gebaut. Über die Nähe zum Präsidenten Erdoğan berichtete die regierungskritische Nachrichtenseite Odatv 2015: Erdoğan ile İbrahim Cevahir’in yakınlığı nereden geliyor, in: Odatv vom 30.9.2015, URL: https://odatv.com/erdogan-ile-ibrahim-cevahirin-yakinliginereden-geliyor–3009151200.html (zuletzt abgerufen am 21.6.2019).

15. Vgl. Der Begriff der öffentlichen Meinungen geht auf Walter Lippmann zurück und wird noch genauer erklärt, vgl. Lippmann, Walter (2009 [1922]). Public Opinion. New Brunswick/London: Transaction Publishers.

16. Zu diesem Kontext vgl. überblicksmäßig Daxner, Michael und Sarah Riese: Longtime Effects from Kosovo, Little Ado About Bosnia-Herzegovina, in: S+F (29. Jg.) 1/2011, S. 24-30 sowie ausführlicher in Sarah Rieses Dissertation, die durch ihre eigene mehrjährige Arbeit im zivilgesellschaftlichen Sektor BiHs die Entwicklungen seit den späten 1990er Jahren bestens kennt: Riese, Sarah (2013): Dayton ImportExport: Peacebuilding Negotiations Between Interveners and Intervened in Bosnia and Herzegovina. Veröffentlichte Dissertation der Freien Universität Berlin, S. 30 ff.

17. TİKA bestand zwar bereits seit 1992, wurde aber erst in der AKP-Ära auf dem Balkan sichtbar und konzentrierte sich in den 1990er Jahren auf Zentralasien und den Kaukasus. Erst nach der Wirtschaftskrise ab 2000 begann es, zu expandieren, mit einem weiteren Expansionsschub ab 2010.

18. Vgl. Tanasković, Darko (2010): Neoosmanizam. Povratak Turske na Balkan [Neo-Ottomanism. Turkey’s Return to the Balkans]. Belgrade: JP Službeni Glasnik.

19. Baklacıoğlu, Nurcan Özgür: Yugoslavya’dan Türkiye’ye Göçlerde Sayılar, Koşullar ve Tartışmalar [Figures, Conditions and Discussions in Migrations from Yugoslavia to Turkey], in: Erdoğan, M. Murat and Ayhan Kaya (Hg.) (2015): Türkiye’nin Göç Tarihi. 14. Yüzyıldan 21. Yüzyıla Türkiye’ye Göçler [Turkey’s History of Migration. Migrations to Turkey from the 14th to the 21st Century]. Istanbul: İstanbul Bilgi Üniversitesi Yayınları, S. 217-218.

20. Auf dieses Zitat habe ich mich in derselben (eigenen) Übersetzung auch in meinem Beitrag im Südosteuropa-Jahrbuch 44 bezogen: Schad, Thomas (2019): Die öffentliche Diplomatie einer kommunikativen Figuration zwischen Sarajevo und Ankara, S. 150.

21. Wie alle Stereotypen und Gemeinplätze zirkuliert šta čaršija kaže hauptsächlich mündlich, es gibt jedoch auch ein populärkulturelles Lied mit dem Titel „Es interessiert überhaupt nicht, was die čaršija sagt“ der Sängerin Suada Begić aus dem Jahr 1987 aus dem Genre der novokomponovana narodna muzika, vgl. Begić, Suada: Baš me briga šta čaršija kaže [Official video 1987], geteilt von User Kanal Dobre Zabave auf Youtube am 27.9.2018, URL: https://www.youtube.com/watch?v=MwGIwUl4RdM (zuletzt abgerufen am 12.6.2019).

109. Elias, Norbert (2014): Was ist Soziologie? Bad Langensalza: Beltz Juventa, S. 155-156.

110. Heuer/Heiter: Arendt Handbuch (Die Konzeption des Zwischen), S. 310-311 sowie Arendt, Hannah (2015): Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper, S. 213 ff.

111. Elias, Norbert: Über die Begriffe der Figuration und der sozialen Prozesse. Einführende Bemerkungen zu einem Colloquium über den historischen Charakter der Gesellschaft und die soziologische Theorie am 12. Mai 1987 in der Technischen Universität Berlin, veranstaltet vom Institut für Soziologie. Diskussionsbeiträge IS/TUB 6, 1987, S. 5.

112. Darauf weist Gérard Noiriel hin: dies sei erklärend dafür, warum Migrationen erst so spät Beachtung geschenkt worden sei von der Historiographie, da sie aus Sicht nationaler Historiker eine Abweichung eines für „normal“ gehaltenen Zustands waren. Noiriel, Gérard (2001): État, nation et immigration. Vers une histoire du pouvoir. Paris: Gallimard.

113. Dunning, Eric und Jason Hughes (2013): Norbert Elias and Modern Sociology: Knowledge, Interdependence, Power, Process. New York/London: Bloomsbury, S. 51.

114. Elias, Norbert: Über die Begriffe der Figuration (Vortrag an der TU Berlin), S. 6.

115. Auch Norbert Elias hat den Begriff im Prozess der Zivilisation für weitere Konzepte verwendet als „nur“ beispielsweise die französische bzw. andere europäische Nationen, die in seinem Betrachtungszeitraum freilich teils (noch) gar nicht existierten. Vgl. Elias, Norbert (1997): Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Band 1 und 2). Frankfurt am Main: Suhrkamp sowie Elias, Norbert (2014): Was ist Soziologie? Bad Langensalza: Beltz Juventa.

116. Homepage Netzwerk „Kommunikative Figurationen“ der Universitäten Bremen und Hamburg, URL: https://www.kommunikative-figurationen.de/de/ansatz/ (zuletzt abgerufen am 7.6.2019).

117. Ebda.

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